Henrike Pankratz - Austauschland Spanien

Es ist ein unglaubliches Gefühl, sich mit Tränen in den Augen von Menschen zu verabschieden, die vor 5 Monaten nur Namen auf einem Papier waren, und von einer Stadt, die man nur als Punkt auf einer Landkarte kannte. Ich kann mich nicht erinnern, in 5 Monaten schon einmal mehr über mich selbst und meine Beziehung zu anderen erfahren zu haben, als in meiner Zeit in Zaragoza - Spanien. Die vielen stundenlangen - und nicht immer einfachen - Gespräche mit meiner spanischen Gastmutter haben mir geholfen, selbstverständliche Dinge auch als solche zu sehen. Zum Beispiel die Mithilfe im Haushalt oder Gesten und Verhalten im Umgang mit den Menschen, die dir wichtig sind.
In meiner Gastfamilie musste ich mich mit einer ganz anderen Wohnsituation auseinander setzen, da ich zwei kleinere Gastbrüder (3 und 5 Jahre alt) hatte, die das Zusammenleben natürlich völlig anders beeinflussen als ich es von meinem 15jährigem Bruder in Deutschland gewöhnt war.
Neu war mir auch, dass in Spanien die Türen eigentlich immer offen gelassen werden (in den Dörfern gibt es oft noch nicht einmal Haustüren!). Selbst beim Schlafen werden sie nicht geschlossen. Ausserdem herrscht ein anderer Tagesablauf, besonders im Sommer, wenn
es tagsüber einfach zu heiss ist, um raus zugehen und man stattdessen versucht, alle Aktivitäten in den späten Abend zu verlegen.
Eine Sache, die auf jeden Fall auch nicht unerwähnt bleiben darf, istdas spanische Essen, da es einfach von zu grosser Bedeutung ist. Egal ob man sich mit Freunden trifft oder Verwandte besucht, es gibt einfach immer etwas zu essen und das reichlich!
Während man unter Freunden meistens auf etwas Süsses ("dulces") zurückgreift (an jeder Strassenecke zu kaufen), isst man mit der Familie nie unter 2-3 (Hauptgericht natürlich bestehend aus Fleisch), bei Familienfeiern auch gut 5-6 Gängen. Anschliessend gibt es
den über alles geliebten "Café con leche", der auch schon zum Frühstück genossen wird.
Auch ist es üblich, dass einer für alle anderen mitbezahlt; als Deutsche/r sollte man aufpassen, dass man seine spanische Freunde in dieser Beziehung nicht zu sehr ausnutzt, sondern von dieser Geste selber ab und zu Gebrauch macht.
Durch meine spanischen Freunde habe ich auch gelernt, mich über Vorurteile hinwegzusetzen, denn spanische Jugendliche unterscheiden sich sowohl äusserlich (Kleidung, Auftreten) als auch durch ihren Umgang miteinander von meinen deutschen Freunden und Bekannten. Man wird gleich mit "besos" (Küsschen) begrüsst anstatt sich die Hand zu geben, und bekommt ziemlich viele Komplimente gemacht, die man allerdings nicht so ernst nehmen sollte, da sie einfach zum "guten Umgangston" gehören. Als Mädchen sollte man sich in Spanien auf jeden Fall auch auf einige "Casanovas" gefasst machen, die keine Gelegenheit unversucht lassen, ihrem südländischem Ruf alle Ehre zu machen. Auch sollte man wissen, dass Spanier gerne feiern, deswegen mangelt es nicht an "Fiestas" und langen Nächten, die meistens in den zahlreichen eintrittsfreien (Tanz-)Bars verbracht werden. Doch auch die Schule ist den meisten Jugendlichen ziemlich wichtig, besonders wenn sie ins "Bachillerato" (entspricht der deutschen Oberstufe) kommen.
Normalerweise geht man als Austauschschüler ins erste von zwei Bachilleratos. Dort kann man in Spanien zwischen 3 Profilen wählen (naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich, medial), doch hat man im grossen und ganzen die gleichen Fächer wie in Deutschland. Ich hatte von 8.30h bis 14.20h Schule, mittags gibt es eine Stunde Pause. Nachmittagsunterricht und Schuluniform gibt es nur an einigen Privatschulen. Meiner Meinung nach ist der Unterricht in der Schule nicht so qualifiziert wie in Deutschland (das wird besonders bei den mangelhaften Englischkenntnissen deutlich), allerdings lernen die Jugendlichen sehr viel zu Hause, deswegen hat auch kaum jemand einen Nebenjob. Allerdings hat mir der Geschichtsunterricht ziemlich gut gefallen, da ich dort gemerkt habe, welche grosse Bedeutung die deutsche Geschichte hat. Auch auf der Strasse wird man immer wieder damit konfrontiert, denn nicht wenige Jugendlichen sehen leider in den Nazis Vorbilder, geprägt natürlich auch durch ihre eigene Geschichte - die Diktatur Francos, der ein gutes Verhältnis zu Hitler hatte. Ich hoffe allerdings, dass ich durch meinen Aufenthalt wenigstens bei einigen Jugendlichen Vorurteile aus dem Weg räumen und über die heutige Situation in Deutschland aufklären konnte.
Interessant fand ich auch immer wieder das Zusammentreffen mit Austauschschülern aus anderen Ländern, mit denen ich mich über das Erlebte austauschen konnte. Inzwischen bin ich seit 6 Wochen wieder zu Hause in Deutschland, der Kontakt zu einigen Leuten in Spanien steht nach wie vor und ich hoffe, dass ich eines Tages noch einmal dorthin zurückkehren kann. Ich glaube, dass ich nicht nur die erworbenen Sprachkenntnisse mitgenommen, sondern auch sehr viele neue Erfahrungen gemacht habe, die mich viele Dinge anders sehen lassen und mein Bewusstsein ein wenig erweitert haben. Durch meinen Aufenthalt in Spanien habe ich die Möglichkeit bekommen, ein anderes Leben kennen zulernen, und kann mir jetzt von beiden die Schokoladenseiten raussuchen... :-)


