College Kanada - Collège Bourget, Rigaud, Quebec

Ich habe von Ende August letzten Jahres bis Mitte Februar diesen Jahres in Kanada als internationale Gastschülerin gelebt, genauer gesagt war ich in Quebec, dem französisch-sprachigen Teil Kanadas, um mein Französisch und mein Englisch gleichzeitig zu verbessern.

Unter der Woche war ich im Internat „Collège Bourget“ in Rigaud untergebracht und am Wochenende bei meiner Gastfamilie, den „Houles“, in Coteau-du-Lac. Das „Collège Bourget“ war früher einmal ein Kloster gewesen und hatte eine weit zurückliegende Tradition im Unterrichten von Französisch. Sie haben ein extra Programm für internationale Schüler, um ihnen zu helfen  Französisch zu lernen, denn im „Bourget“ wird nur Französisch gesprochen. Das „Programm“, welches die „des étudiants internationaux“ buchen können, besteht aus zusätzlichem und leichterem Französischunterricht, für den man mal die Mittagspause verkürzen muss oder eben eine Stunde des normalen Unterrichts verpassen muss. In meinem „Französisch für Ausländer“ war ich mit vielen weiteren Schülern aus aller Welt zusammen, unter anderem Mexico, China, Australien, Neuseeland und auch den USA. Wir waren alle unterschiedlich alt und unsere Französischkenntnisse gingen ebenfalls weit auseinander, wobei   die meisten vor ihrem Aufenthalt im Collège Bourget noch kein einziges Wort Französisch gesprochen hatten. Trotz der verschiedenen Kulturen, Sprachen und des Alters verstanden wir uns alle sehr gut und freundeten uns schnell miteinander an. Schließlich machten wir alle ähnliche Erfahrungen :  alleine in einem fremden Land zu sein,  dessen Sprache man nicht sprechen konnte, oder vielleicht durch den gewöhnunsbedürftigen Akzent der Quebecois nicht verstand. So konnten wir uns gegenseitig wenn schon nicht sofort sprachlich, dann zumindest gefühlsmäßig verstehen und unterstützen.   Doch ich fand nicht nur  Freunde bei den anderen internationalen Schülern, sondern auch bei vielen Kanadiern, gerade weil diese mir gegenüber so offen und aufgeschlossen waren - ganz anders als ich befürchtet hatte. Am Anfang wurde ich oft ohne mein Zutun von den anderen Schülern angesprochen und über Deutschland befragte, da viele sich kaum etwas darunter vorstellen konnten und die einzigen Dinge, die sie wussten, auf den zweiten Weltkrieg zurückzuführen waren. Doch nicht nur in der Schule, sondern auch im Internat hatten mehrere Mädchen schon nach den ersten fünf Minuten, in denen ich in meinem Zimmer war, an meine Tür geklopft und mir angeboten, mir eine Privatführung durch die Schule zu geben. Dabei lernte ich dann auch direkt meine ersten Freunde kennen.

Meine Gastfamilie bestand aus einer vierköpfigen Familie mit einem kleinen Hund namens „Roxy“. Meine Gastschwester Fred war ein Jahr älter als ich und ging in die Stufe über mir. Sie war Schulsprecherin, Flagfootball-Kapitänin und spielte im Mädchenfußballteam der Schule. Mein Gastbruder Justin war drei Jahre jünger als ich. Er wollte nächstes Schuljahr zu Bourget gehen, denn in Quebec muss man sich nach der sechsten Klasse meist eine neue Schule suchen, weil das Schulsystem in Quebec ein wenig anders ist als man es sonst aus Kanada kennt:Man geht zuerst in ein „maternelle“(Kindergarten), danach in die „école primaire“, die von der ersten bis zur sechsten Klasse geht, dann kommt man in die „école secundaire“, siebte bis elfte Klasse. In Bourget wurde noch der Unterschied gemacht , dass man die Sec. 4 (10.Klasse) und die Sec.5 (11.Klasse) zusammen in einem anderen Schulgebäude untergebracht hat und sie damit abgeschnitten von den restlichen Klassen waren. Nach der „école secundaire“ kann man in ein „cegep“ gehen, das meist ein oder zwei Jahre dauert und vom Aufbau her vergleichbar mit einem amerikanischen College ist. Danach fängt man meist an zu studieren.

Als ich in Kanada war, war ich in der Sec.4.

Ich war die vierte Gastschülerin meiner Gastfamilie und man merkte auch, dass diese viel Erfahrung mit Gastschülern hatten, denn sie sprachen von Anfang an sehr langsam mit mir und unterstrichen ihre Sätze immer mit Handgesten oder übertriebener Mimik. Meine Gasteltern besaßen einen Lebensmittelladen und waren dort oft am Arbeiten, auch am Wochenende, doch da dieser so nahe am Haus lag, konnten sie immer schnell nach Hause zurückfahren.  

Mit meinen Lehrern habe ich Französisch gesprochen und mit einem Großteil meines Freundeskreises Englisch, da diese zweisprachig groß geworden sind. Gerade diese Mischung kommt seltener vor, als man denkt in Quebec. Auch wenn immer mehr Leute Englisch lernen, so war zum Beispiel in einer so kleinen Gemeinde wie in Coteau-du-Lac Französisch die einzige Sprache, die die Bewohner dort sprechen konnten. Gerade die älteren Leute konnten kaum ein Wort Englisch, desto jünger jemand war, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass man vielleicht ein wenig Englisch aus ihm herausbekommen könnte, doch selbst dann war die Chance eher gering. In meiner Schule wurden deswegen auch zwei  Englischklassen unterrichtet, die „regular“ Klasse, in die diejenigen hingingen,  für die Englisch nicht ihre  Muttersprache war,  und eine „advanced“ Klasse für diejenigen, die zweisprachig groß geworden sind. Ich hatte immer vier Stunden Unterricht am Tag, wobei jede Stunde  70 Minuten dauerte . Nach den ersten beiden Stunden hatten wir eine 2-stündige Mittagspause. Wir mussten eine Schuluniform tragen, die aus Hose, Rock, Bluse, Hemd und T-Shirt bestand.

Am Anfang meines Aufenthaltes fiel es mir recht schwer, mich an das merkwürdige Französisch der Kanadier zu gewöhnen und ich habe sicherlich erstmal einen Monat gebraucht, bis mir diese Sprache nicht mehr fremd vorkam. Dann erst  fing ich an, Gesprächsfetzen zu verstehen. Ich bin mir sicher, dass, hätten meine Freunde auch mit mir Französisch gesprochen, ich  fließend sprechend zurück nach Deutschland gekommen wäre.  Auf der anderen Seite haben sich dadurch, dass ich mit meinen Freunden  Englisch sprach und mit meiner Gastfamilie und meinen Lehrern Französisch,  beide Sprachen bei mir sehr viel verbessert.

Eine weitere Sache, die am Anfang  sehr gewöhnungsbedürftig war, war die Tatsache, dass es keine Gehwege gab und man ohne Auto so gut wie nirgendwo hinkam. Es war entsprechend schwierig,  sich eigenständig zu Freunden zu begeben, da keine Busse zwischen den verschiedenen Dörfern fuhren und meist auch nicht im Dorf selber.  Doch gerade, weil das Bourget auch von Schülern mit weiteren Distanzen besucht wird, fahren die Schulbusse manchmal stündlich jeden Tag hin und zurück. Ich wurde jeden Montag vom Schulbus abgeholt und in die Schule gefahren und ich bin jeden Freitag mit dem Schulbus auch wieder nach Hause gefahren.

Und dann gab es noch das Essen. Auch wenn es ähnliche Dinge wie in Deutschland gab, so schmeckten sie doch ganz anders. Zum Beispiel war die Pizza viel fettiger und auch vom Geschmack her ganz anders, als man es aus Deutschland gewohnt war und es gab, abgesehen von Toast, kein Brot. Meine Familie hat mir oft „typische“ kanadische Gerichte zubereitet, wie zum Beispiel „Poutine“, oder Gemüsesuppe.  Das war sehr lieb von ihnen, aber auch wiederum gewöhnungsbedürftig. Das Essen in der Schule wurde immer in der Cafeteria eingenommen und man durfte sich höchstens einen Apfel mit rausnehmen, wobei morgens und abends, wenn nur noch die Internatsschüler da waren, auch gerne mal ein Auge zugedrückt wurde. Das Essen an sich war niemals schlecht oder ekelhaft und beim Mittagessen gab es auch immer zwei Menus zur Auswahl, oder ein Kühlfach mit verschiedenen Sandwiches drin, jedoch fiel es einer vegetarischen Freundin immer etwas schwieriger, denn meist waren beide Menus mit Fleisch und die Sandwiches auch, sodass sie nur den Nachtisch und die Vorspeise, wie Salat oder Suppe (wenn diese nicht auch mit kleinen Fleischstückchen war) essen konnte.

Der Abschied aus Kanada war gleichzeitig schön und traurig. Schön war der Ausflug mit der Schule , mit der wir einen mehrtägigen Ausflug nach Quebec City gemacht haben und dabei Schlittenhunde auf einer Farm besucht haben, das “Festival Hiver” besucht haben und die Geschichte und Traditionen Kanadas noch einmal genauer betrachtet haben. Traurig war der Abschied von meinen Freunden, die mir alle wirklich schöne Abschiedsgeschenke gaben und eine riesige Abschiedskarte geschrieben haben, in die jeder aus meiner Klasse etwas geschrieben hat.

Alles in allem war Quebec  eine tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ich bin jetzt wieder zu Hause und gehe weiter in meine alte Schule. Der Wiedereinstieg war leichter als gehofft. Ich denke noch immer oft an Kanada und hoffe, bald noch einmal dorthin fahren zu können.